In einer Welt, in der sich der Kitsch wie ein Schimmelpilz verbreitet, seine Sporen in alles treibt, was früher einmal echt gewesen war, kann es in so einer Welt noch wirkliche Weihnachtsgeschichten geben? Nun, werden die Pessimisten sagen, nein, natürlich nicht, außer ich würde so eine Geschichte selber erleben. Und was soll ich sagen... nichts anderes ist mir geschehen. Es war zugegeben eine kleine Geschichte, eine Episode, die ich im Vorübergehen bemerkte. Doch sind es nicht gerade die kleinen Geschichten, die die Welt weiterdrehen?
Ich war zu Fuß unterwegs, es war kurz nach fünf und es war bereits dunkel geworden. Als ich an einer Trafik vorbei kam, fiel mir eine sonderbare Gruppe auf. Im Mittelpunkt eine alte Frau im Rollstuhl und um sie gescharrt, ein paar Jugendliche mit Schultaschen und Rucksäcken. Die Rollstuhlfahrerin kannte ich bereits. Sie war mir in der Stadt schon des Öfteren aufgefallen. Nicht nur, weil sie einen modernen, motorisierten Rollstuhl besaß, den sie mittels Joystick steuern konnte. Zu jeder Jahreszeit sah man sie in der Stadt. Kein noch so schlechtes Wetter hielten sie davon ab. Doch das alleine war es nicht. Es bereitete ihr extreme Mühe, gerade aus zu fahren. Das rührte daher, dass sich ihr Kopf ruckartig von einer Seite auf die andere Seite warf. Ungewollt, trotz der erkennbaren Anstrengungen, die sie unternahm, um den Blick auf ihr angepeiltes Ziel nicht zu verlieren. Der restliche Körper verharrte regungslos. Keine wahrnehmbaren Bewegungen waren zu erkennen. Nun, nicht ganz. Ihre gesamte Konzentration und Energie schien in ihrer rechten Hand gebündelt zu sein, die sich um den Joystick legte. Alle paar Meter kam sie ein wenig von ihrer gewünschten Linie ab, dann stoppte sie kurz und richtete ihre Fahrt erneut aus. Man muss sich diese Anstrengung vorstellen, diese Willenskraft, mit der sich diese Frau, durch eine von hektischen Menschen bevölkerten Stadt, bewegte. Alleine! Auf sich gestellt, wurde so jede ihrer Ausfahrten unweigerlich zu einer Expedition. Zumindest in meiner Einbildung, weil ich mir nicht anmaßen möchte, mir dieses Leben in seiner detaillierten Wirklichkeit vorstellen zu können. Zweifelsohne besaß sie den Ehrgeiz, sich ihr Brot beim Bäcker oder was immer sie benötigte, selber zu holen. Egal wie, egal wie lange es dauerte, ob es das Letzte war was sie tat, ob der Akku ihres Rollstuhl ausreichen würde oder ob ein Schneesturm losbrach.
Und so dürfte es auch heute gewesen sein. Wie ich sie mit den Jugendlichen vor der Trafik sah. Eines wurde mir jedoch klar. Und ich wunderte mich, dass ich mich das noch nie gefragt hatte. Wie genau bewerkstelligte sie das eigentlich mit ihren Besorgungen. An ihrer Rückenlehne war ein Korb befestigt, in dem sich ihre Einkäufe befanden und vermutlich ein paar Dinge, die man auch in Handtaschen von jeder anderen Frau hätte finden können. Doch wie kamen die Dinge da rein? Wie raus? Wie zahlte sie die Sachen? Konnte sie Geld zählen? Wohl kaum. In welche Geschäfte kam sie mit ihrem eher unförmigen Gefährt überhaupt hinein? All diese Fragen hatte ich mir bisher nicht gestellt. Das würde schon irgendwie funktionieren. Konnte es sein, dass der Bäcker, der Metzger, der Postbeamte... zu ihr auf die Straße kamen. Das wäre zumindest eine denkbare Lösung gewesen. Auch wenn ich ihre Hupe oder Klingel, die sie dann haben müsste, noch nie gehört hatte. Doch diese Frau schien kein besonderes Interesse daran zu haben, nur so etwas wie ein Abholdienst zu sein, dem man vorbestellte Sachen in den Korb legte. Dafür hätte sich sicher ein Bote gefunden, der das für sie erledigt hätte. Überhaupt, konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie es nötig hatte, diese Besorgungen selber zu erledigen. Sie hätte die Aufnahmeprüfung jedes Pflegeheims mit Bravour bestanden. Man hätte ihr alles gebracht, was zum Leben von Nöten ist und vielleicht ein wenig mehr. Mit derart verlockenden Bequemlichkeiten war diese Frau aber nicht zu kriegen. Und wie sie das anstellte, wenn sie etwas will, dass durfte ich heute, eine Woche vor Weihnachten erleben.
Als ich, wie bereits erzählt, an der Trafik vorbeiging, fragte sie gerade einer der Burschen, was sie wolle. Ein andere sagte, ich glaube eine Weihnachtskarte. Ein Mädchen bestätigte, ja sie hat Weihnachtskarte gesagt. Wieder ein anderes Mädchen mit roter Jacke, Nasenpiercing und Lederstiefeln ging in die Trafik und sagte, sie werde mal reingehen und fragen. Bereits kurz darauf kam sie zurück und hielt ein paar Weihnachtskarten in ihrer Hand. An der Art und Weise wie die Unterhaltung (wenn man es so nennen will) ablief, war zu erkennen, dass die Frau mit dem Sprechen größte Mühe hatte. Die Jugendlichen mussten sich weit zur ihr beugen und die Laute und Kopfbewegungen deuten. Wollen sie eine von diesen, fragte ein Mädchen und fächerte die Weihnachtskarten auf. Als nächstes gingen sie eine nach der anderen durch, bis ein lautes Stöhnen zu hören war, das als »Ja, genau die will ich« zu werten war. Dann passierte alles sehr schnell und reibungslos. Ein Junge mit halb heruntergezogener Hose fand eine Geldbörse in der Rollstuhltasche, marschierte in die Trafik, zahlte und steckte die gekaufte Karte und Börse zurück. Schließlich verabschiedete sich alle bei der Frau, was für sich allein schon ein ungewöhnliches Bild abgab. Überhaupt muss man sagen, und vermutlich habe ich gerade deshalb dieses Erlebnis als Weihnachtsgeschichte empfunden, verlief die gesamte Aktion so überaus harmonisch und fürsorglich ab, wie man es von Jugendlichen dieses Alters nicht erwarten würde. Dem gegenüber, stand das ungebrochene Selbstbewusstsein einer Frau, die jedes Recht gehabt hätte, um klein beizugeben, aufzugeben sich beleidigt und enttäuscht von der Welt abzuwenden. Sie konnte weder gehen, noch hatte sie ihre Körperzuckungen unter Kontrolle, nicht einmal richtig sprechen konnte sie. Und dennoch. Sie ließ sich nicht hinausdrängen, aus dem, was gemeinhin als »normal« bezeichnet wird. Sie hatte sich einfach unübersehbar vor den Trafikeingang geparkt und darauf vertraut, dass sich jemand ihrer annahm. Sie mutete sich den »normalen« Menschen zu. Sie musste diese Welt aushalten, also musste die Welt auch sie aushalten. Dass es heute, eine Woche vor Weihnachten, genau diese Gruppe von Halbwüchsigen getroffen hatte, war reiner Zufall. Das ich vorbeikam war ein Ebensolcher, und dass es überdies um eine Weihnachtskarte ging, ist fast schon kitschig, wenn es nicht wahr wäre.
Ich weiß nicht, ob es den Jugendlichen in diesem Moment bewusst war. Ich glaubte aber, es in den Gesichtern erkannt zu haben. Diese unbeugsame alte Frau in ihrem motorisierten Rollstuhl hatte den jungen Menschen etwas geschenkt. Etwas, das in unserer Zeit sehr rar geworden ist.
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